53: [Homeroom Arkadia]

didnt sleep last night
couldn't calm down
the cold water running past my window
kept me crying out

give me sunlight
the good medicine
its all part of the open pressures
of growing up

met a friend but then again
you could get around town like they do
have shower then drive around
looking out for northfields avenue

the journey's sour the fire is out
love achieving sounds sell a heart of glue
have a listen, a dirty mind
moving by an untold residue

its all evolution's fault now
it's all down to echoes in the crowd

-Late of the Pier, 'Broken'

BETHANY BASE, SECHS MONATE ZUVOR

Denen, die den Menschen komplett als ein niederes Geschöpf abtun würden, das sich von den anderen Tieren lediglich durch seine größere Arroganz unterschied, könnte man viele Geschichten von Wunderwerk, Hilfsbereitschaft und Güte entgegen halten -

Die höheren Wesen mit ihrer Fähigkeit zur Erkenntnis von Gut und Böse, zu Vernunft, Erkenntnis, Weisheit und dem Streben nach höherem sein stecken in uns – Doch wer der Wahrheit gerecht werden will und der tatsächlichen Natur seiner selbst und seiner Mitbrüder kein Unrecht tun will, muss ebenso zugeben, das diese ätherischen Lichtgeschöpfe in unseren Köpfen nicht allein sind:

Sie teilen sich ihre Wohnung mit einer ganzen Menagerie von Tieren, Mechanismen und Relikten aus vergangenen Zeiten, die späteren Schichten von Evolution nicht etwa in einem dualistischen Sinne entgegenstehen, sondern die Grundfesten darstellen, auf der sie stehen.

Hinter dem Steuerrad sitzt nicht nur der glimmende Funke des Bewusstseins, sondern auch eine Sammlung von Affen, Mäusen und Reptilien, die alle ihre eigenen Antworten und Strategien für den Umgang mit der Welt haben, und darin weitaus weniger flexibel sind als das Tröpfchen Geist, das sein eigenes Verhalten Begreifen und den Resultaten nach anpassen kann.

Unter dem Schafspelz höherer Ziele lauert immer noch der Wolf der Triebe und Instinkte, und der Wolf will gefüttert werden: Zwar können die anderen Bestandteile durchaus so tun, als ob er nicht da wäre und für eine kurze Zeit sogar damit durchkommen, doch jedes Plan und jedes Gedankengebäude das davon ausging, dass die Bestie sie niemals einholen würde, war letztlich auf Sand gebaut:

In der Sicherheit seines Schreibtisches konnte der Intellekt zwar lauthals verkünden, dass er bereit wäre, für seine Überzeugungen zu sterben, doch wenn der ganze Mensch das Schwert direkt an seinen Halsschlagadern wusste, konnte das ganze schon ganz anders aussehen. Der Wille konnte sich mit vollem Dasein entschließen, ein Projekt fertig zu bringen und sich seinem Ziel mit voller Substanz verschreiben, und es würde nichts daran ändern das die besagte Substanz vielleicht auch ein Wörtchen mitzureden hätte, nachdem sich zahllose schlaflose Nächte wie Sand in die Getriebe des Verstandes gelegt hätten.

Unsere strebsamen Sinne mochte es danach verlangen, eine neue Fertigkeit zu erlernen oder eine Weltreise zu unternehmen, doch selbst das durchaus reale Gefühl des Triumphes beim Meistern neuer Herausforderungen und dem erlangen von Status und materiellem Besitz konnte die dafür nötigen Strapazen und Entbehrungen nicht wegzaubern oder daran hindern, uns an unsere realen Grenzen zu treiben – und selbst die oftmals verklärten Gefühle standen nicht darüber:

Eine gute Seele mochte sich zwar bereitwillig melden, einem Freund oder Familienmitglied in einer harten Lebenslage auszuhelfen oder im Namen der Liebe große Opfer zu bringen und es auch tatsächlich meinen ohne das Lüge oder Naivität im Spiel gewesen wäre - Und dennoch könnte die selbe Person die einst so feurig darauf gebrannt hatte, ihre Opfergaben hinfort zuwerfen, schon bald darauf herausfinden, dass sie die Abwesenheit der Dinge, die sie einst als unwichtige Oberflächlichkeiten eingestuft hatte, nun unmöglich weiter ertragen konnte.

Wer seine eigene Position nicht festigt, konnte nur so lange geben und helfen, bis einem selbst die Ressourcen ausgingen, wer die eigene Kraft bereitwillig hergab, konnte nichts erreichen .

- Doch wer den Eigennutz erst einmal durch seine Türen gelassen hatte, konnte sich nie wieder den Luxus leisten, sich selbst als rein und frei von Versuchung zu konzipieren.

Die Menschen waren zwar fähig, das Gute anzustreben, doch am Ende blieben sie doch beschränkte kleine Kreaturen, eingebüchste Fetzen Seele die oft ihr Lebtag lang vergeblich versuchten, das ihnen zugestandene Stück Fleisch in eine bestimmte Richtung zu ziehen – Zusammen hätten sie viele ihrer Probleme wohl in kurzer Zeit totschlagen können, doch ihre Entscheidungen wurden nun einmal nicht gemeinsam getroffen, sondern von jedem Menschen für sich.

Ein Krieg zu den keiner hingeht ließe sich zur schwerlich führen, aber das fortbleiben eines einzelnen Soldaten bedeutete oft nur, das seine Stelle von jemand anderem ausgefüllt wurde während er selbst als Feigling verunglimpft wurde und seine Familie jeden finanziellen Rückhalt verlor – Die meisten Menschen würden einem Fremden nicht einfach so ein Leid antun, nur weil ein Mann mit einer lauten Stimme mit dem Finger darauf zeigt, aber sein eigenes Leben für einen Fremden opfern? Dazu wären schon wesentlich weniger bereit, und selbst wer sein Leben nur all zu gerne gegen ein reines Gewissen eintauschen würde, würde vielleicht anders handeln, sobald die Entscheidung nicht nur ihn selbst betrifft, denn dann ist es keine offensichtliche Entscheidung mehr: Soll man aufgrund seines eigenen Stolzes seine Verwandten ins Unglück stürzen, nur weil man sich eine weiße Weste bewahren will?

Doch das macht die Alternative nicht weniger falsch, denn die Menschen auf der anderen Seite der Grenze haben ebenfalls Familien, und ist das festhängen an den eigenen Liebsten nicht trotz, oder gerade wegen aller Hingabe nicht nur eine weitere Form der Selbstsucht?

Es war leicht, ein heiliger im Paradies zu sein und verlockend, in der Hölle zum Teufel zu werden, doch es gab fast immer auch Einzelne, sie sich selbst im schwärzesten Dickicht noch für ihre Menschlichkeit und ihr Gewissen entschieden – Der Mensch konnte sich seiner Verantwortung also nicht ganz entziehen, selbst dann nicht, wenn er von verschiedenen Arten von Verantwortung in die Unterschiedlichsten Richtungen gezogen wäre, doch es war nichts als eine bequeme Fiktion, die Menschen der Vergangenheit als für uns unkenntliche Geschöpfe abzutun, die alles hätten lösen können, wenn nur einer von ihnen seinen Mund aufzubekommen hätte.

Zu Sprechen ins eine leichte Sache, die erst einmal nichts kostet – Der schwierige Teil kommt hinterher, und nur, weil jemand da ist der sich dafür bereiterklärt, sich dem Unrecht in den Weg zu stellen, heißt noch lange nicht, dass er damit auch durchkommt – wenn man gewinnt, hat man vielleicht die Welt gerettet, aber wenn man verliert, hat man nur umsonst sein Leben verraucht und niemandem geholfen, wenn nicht sogar alles verloren, was einem liebt und teuer ist.

Es war ein ätzendes, widerliches Kalkül - aber als beschränkte Wesen mit beschränkten Ressourcen konnte der Mensch doch nicht anders, als diesen Gedanken zu unterhalten, selbst, wenn es um die höchsten und entschiedensten Fragestellungen gab, die man sich für das Schicksal der Menschheit und ihrer Seelen nur vorstellen könnte.

Man nehme einmal NERV – Man konnte leicht den Eindruck gewinnen, dass nicht einmal relativ hohe Funktionäre der Organisation im genauen Bescheid wussten, wie die sich anbahnende Katastrophe nun im Detail zu gestalten drohte, aber alle, die auch nur im entferntesten mit der Organisation zu tun gehabt hatten, wussten, wozu sie da wahr -

Trotzdem waren selbst unter denen, die sich der Mission ganz verschrieben hatten, nur die wenigsten dazu bereit, ihren Dienst an der Menschheit auch dann noch zu leisten, wenn sie es auf einer abgelegenen Basis im arktischen Meer tun mussten.

NERV mochte zwar mit der Rettung der ganzen Menschheit betraut sein, doch wie jede andere Organisation waren ihre Angestellten Menschen, denen es nach Annehmlichkeiten, Infrastruktur und Bespaßung verlangte, und wie jede andere Organisation musste sie die Anwärter für besonders unannehmliche Tätigkeiten mit besonderer Vergütung anlocken – Ein stückweise war es auch eine Frage der Fairness, die verlangte das besondere Leistungen gebührlich zu entlohnen waren, doch selbst unter der Berücksichtigung solcher Anreize fanden sich nur wenige, die bereit waren, ihren Schweiß in eine Einrichtung wie Bethany Base zu stecken, einen simplen Forschungsaußenposten weit weg von der eigentlichen Front.

Die Arbeit hier trug zwar einiges zum grundlegenden Verständnis ihres Feindes bei, doch Glanz und Gloria waren hier nicht zu haben, obgleich das Risiko, dass sich der in den Tiefen der Basis gefangene Leviathan irgendwann doch befreien und sie alle mit sich zur Hölle reißen könnte, durchaus bestand – und anders als in den meisten anderen NERV-Stützpunkten gab es keine nahegelegenen Städte, in denen man Zerstreuung finden könnte.

Das Personal fristete sein Dasein in engen Stahlkabinen, deren metallische Wände sich auch durch das gelegentliche mitgebrachte Möbelstück nicht wirklich überdecken ließen, und die Sonne bekam die meisten von ihnen Monatelang nicht zu sehen.

Viele Menschen waren für diese Bedingungen einfach nicht geschaffen, zumal die Evolution den Körper in der Annahme, dass das Licht immer da sein würde, darauf abgestimmt hatte daraus seinen Nutzen zu ziehen.

Der Geist hatte seinen Wohnung nicht für sich allein, nicht einmal die Gedanken und Gefühle, die er einst noch als sein Sanktum betrachtet hatte – Bei einer monotonen Diät, wenig Freiraum, frische Luft, eintönigen Tagesablauf und fehlendem Licht stellten sich bei so manchem Rastlosigkeit und Depressionen ein, einfach, weil den Gesamtsystem seiner Person gewisse Stimuli fehlen, anhand denen es seine Balance kalibrierten, und für die armen Tropfe würde es sich diese Illusion ihres Verstandes, diese bloße Verwirbelung des Kompasses, mit dessen Hilfe man 'Glück' oder 'Bedeutung' ausfinden machen würde, nicht einmal anders anfühlen als das, was man als Verzweiflung aufgrund 'realer' Gründe bezeichnen würde, insofern man die Existenz von so etwas überhaupt noch postulieren konnte.

Dementsprechend bestand der Großteil der Langzeitbesatzung aus einem Schlag von Menschen, denen soetwas wie Glück oder Zufriedenheit egal war oder die zumindest eine sehr spezifische Vorstellung davon hatten, Wissenschaftler und Soldaten, denen das abstrakte Ideal ihrer Mission ausreichte, um ihren Willen aufrecht zu erhalten, leidenschaftslose Zahnrädchen, die sich mit ihrer Funktion in der Gesellschaft begnügten und hartgesottene Pioniere.

Wie oder warum das nun so war, in der Geschichte der Menschheit hatte es immer eine Minderheit gegeben, die sich auf der Suche nach Größe oder Erkenntnis tollkühn den Extremen der Elementen gestellt hatten und nun waren sie zur Stelle, um die Grabwächter des Dritten Engels zu stellen – und einer von diesen Menschen war Nagato's Vater.

Seid er denken konnte hatte er gewusst, dass sein Vater für die Rettung der Menschheit verantwortlich war, und so weit er sich zurückerinnern konnte, war er immer stolz darauf gewesen.

So sehr sich die beiden Mitsurugis auch in ihren Persönlichkeiten bisweilen unterscheiden mochten, und trotz aller Dinge, in denen sie einander manchmal nicht verstanden, blieb sein Vater doch immer sein großes Vorbild, ein echter Held, dem er in all seinen Taten gerecht zu werden versuchte.

Nagato war der Sohn eines Helden, und er nahm diese Rolle sehr ernst – auch, wenn ihm die leichtfertige, gesellige Art seines Vater fehlte, ganz zu schweigen von der nötigen Selbstsicherheit um sich und seine Absichten wirklich auszudrücken und zu handeln statt ewig die Richtigkeit der eigenen Handlungen anzuzweifeln.

Doch Nagato war auch ein Mensch, und Menschen waren beschränkte Geschöpfe.

Er hatte das immer gewusst, aber bis jetzt hatte er es nicht verstanden, nicht wirklich.

Als er jünger war dachte er, um ein guter Mensch zu sein müsste man einfach das Gute anstreben und das Böse meiden. Gut war, wer sich in Gedanken Worten und Werken zum Guten bemühte und sich vom bösen rein hielt.

Niemand hatte ihm je davon erzählt, was man tun sollte, wenn man das einmal nicht schaffen sollte. Sicherlich hatte er gehört das niemand perfekt oder vollkommen sein konnte, doch es blieb immer das Verständnis, das es Linien gab, die man nicht übertreten sollte, Handlungen, durch die man alle Menschlichkeit verlieren könnte und alles Recht auf Vergebung, Dinge, nach denen man es von anderen einfach nicht mehr verlangen konnte, in der Nähe des Täters zu bleiben.

Also sollte man sich doch zumindest so rein wie möglich halten, da man doch mit jeder Überschreitung das Recht verwirkte zu sagen „Ich habe noch niemals..."

Jetzt, wo er kein Kind mehr war und sich allmählich mit den Trieben, Bedürfnissen, Zweifeln und Sichtweisen eines jungen Mannes wiederfand, ahnte er, dass er seiner Fehlbarkeit nicht ganz entfliehen konnte, auch wenn dies bedeutete das er sein eigenes Herz mit Argusaugen ausspähen müsste, bis es zu einer Bürde verkommen war, derer er sich fürchtete, oder sogar schämte.

Es hatte nicht begonnen, als sein Vater ihm eröffnet hatte, dass er hierher versetzt worden war – Damals hatte er, so hoffte er, nichts weiter als Stolz empfunden, und als bestes Indiz dafür würde er sein kindliches Unverständnis vorweisen.

Er hatte gedacht, das ganze würde ein Abenteuer werden, ein aufregendes Erlebnis voll mit allen Dingen die kleine Jungs angeblich zu lieben hatten, voll Maschinen und umstrümt von den Elementen.

Auch die Menschen waren nicht, was er sich vorgestellt hatte – Er hatte Menschen wie seinen Vater erwartet, Rockstars, Superhelden, Menschen die außerordentliche Dinge vollbrachten und beinahe alles konnten, von dem der Umgang mit Kindern noch das mindeste sein sollte.

Das war nicht, was er dort vorfinden sollte.

Die meisten unter ihnen hatten ihr Leben schon von ihrer Natur aus ganz und gar einigen wenigen Zielen und Prioritäten verschrieben und so sollte es nicht überraschen, das die meisten dieser Männer und Frauen in ihrem Leben wenig Platz für Kinder gefunden hatten, und unter denen, die sie dort doch untergebracht bekommen hatten, hatten es die meisten durch die Unterstützung dritter geschafft, seinen es nun ihre Partner oder sonstige Familienmitglieder, die mit den lieben kleinen auf dem Festland zurück geblieben waren, oder durch den ausgiebigen Gebrauch finanzieller Mittel, um die Kinder zum Beispiel auf ein teures Internat zu stecken – dem einen oder anderen hatte NERV sogar die Kosten für eine sündhaft teure renommierte Einrichtung gestellt, um sie auf die Basis zu locken.

Nur die wenigsten hätten es auch nur in Betracht gezogen, ihr Kind mit auf die Basis genommen – Doch da der Stützpunkt nun einmal unbedingt bemannt werden musste, war NERV auch darauf vorbereitet, doch da der Stützpunkt in erster Linie seine Funktion auszuführen hatte, waren sie Möglichkeiten begrenzt.

Das ständige Brummen von Maschinen zehrte stetig an seiner Geduld und die lehrreichen Poster über verschiedene Themen, mit denen der man die Wände des kleinen Zimmers voll gehangen hatte, nahmen ihm kaum den Höhlencharakter. Es gab Schreibtische mit eigenen Tischlampen, Schränke mit Schulbüchern, Teppiche und sogar Kisten mit Spielzeug, doch das erfüllte ihn nicht mit Gesprächen, Sonnenlicht und Kinderlachen.

Aller Spielsachen und Bücher zum Trotz sah das hier eher wie ein Ort zur kurzzeitigen Beschäftigung aus, gleich dem Wartezimmer in einer Kinderarztpraxis oder einer Spielecke in einem Schiff.

Nagato wusste er sehr zu schätzen, was sein Vater tat, er war stolz darauf, der Sohn so eines brillanten Wissenschaftlers zu sein, und dankbar, dass er sich bei alledem noch die Zeit nahm, sich persönlich um seinen Sohn zu kümmern und ihm Vater und Mutter zugleich zu sein – Er wollte nicht glauben, dass irgendetwas davon eine Lüge war, und wenn sein Vater ihn fragte, ob er hier gut zurecht kam, würde er stetig pflichtbewusst damit antworten, dass es eine Ehre für ihn war sich in einer Einrichtung aufzuhalten, die so eine wichtige Aufgabe übernahm.

Eine andere Antwort zu geben, hätte er sich nicht ausdenken können, gerade weil sein Vater ehrlich bereit schien, sein Leben um seinetwillen umzustellen – wie hätte er diesen Großmut ausnutzen können wie ein egoistisches Balg?

Er hätte sich in Grund und Boden geschämt, soetwas auch nur im Traum zu verlangen - und umso weniger wusste er mit dem bitteren Unmut umzugehen, der sich in solchen Momenten in seiner Seele anstaute.

Wenn einem etwas nicht gefiel, sollte man es ändern – Doch in diesem Fall war von vornherein klar, dass diese Situation, die ihm Missmut bereitete, der Preis für Umstände war, die etwas wichtigeres und größeres ermöglichen.

Sich zu beschweren wäre egoistisch – doch so oft er sich das auch sagte, das Gefühl blieb, also blieb er hier sitzen, machte brav seine Schulaufgaben und beschäftigte sich mit kleinen Spielereien, wenn es gerade keine Schulaufgaben zu erledigen gab. Dabei gab es wenigstens ein klares Ziel und er wusste, was er zu tun hatte; Wenn am Ende einer Rechenaufgabe das passende Egebnis heraus kam, wusste er, dass er es richtig gemacht hatte.

Bis vor ein paar Monaten war es ja noch gegangen, da hatte er sich diesen Raum mit einem kleinen Mädchen geteilt, deren Eltern beides NERV-Angestellte waren und keine weiteren Verwandten hatten, die ihnen ihre Tochter hätten abnehmen können. Sie war zu jung als das Nagato sich wirklich auf gleicher Stufe mit ihr hätte unterhalten können, doch zumindest hatte sie etwas leben und Geräusche hierher gebracht – bis sie sich dem üblichen Einstiegsalter für die Grundschule näherte , und ihre Eltern sich versetzen ließen, damit sie mehr Zeit mit Gleichaltrigen verbringen konnte.

Er hätte nicht gedacht, das er andere wirklich vermissen würde, es war nicht so, als ob er in seiner alten Klasse sehr populär gewesen wäre – sie hatten sein betragen oft als einen Versuch missverstanden, sich bei den Lehrern einzuschleimen und sein reserviertes Verhalten so verstanden, dass er etwas gegen Spaß und Vergnügen hatte – dabei war es sich so, dass er etwas gegen Ausgelassenheit und Freude hatte, nur weil er sich selber damit schwer tat.

Mit Erwachsenen war es anders; oft lobten sie Nagato als einen reifen, verantwortungsvollen jungen Mann bezeichnet, doch ob sie das auch sagen würden, wenn sie von den Gedanken wüssten, die er im verborgenen hegte?

So sehr er sich selbst daran erinnerte, dass er dafür keinen wirklichen Grund hatte, und dass er ihnen allen für ihre Bemühungen dankbar zu sein hatte, so konnte Nagato doch die Empfindung nicht abschütteln, dass er diese Menschen hier nicht mochte, dass sie ihm zu weltfremd, zu sehr mit abstrakten, theoretischen Überlegungen beschäftigt und zu oft von ihren eigenen Interessen geleitet erschienen, dass sie eben nicht so waren wie sein Vater -

Doch trotzdem schien sein Vater sich mit ihnen zu verstehen, an ihren Gesprächen teilzunehmen und sich ganz in ihre kühlen, fremdartigen Konversationen einzufinden, als sei er einer von ihnen, ganz so als gäbe es eine Seite von ihm, von der Nagato niemals gewusst hatte.

Zunächst hatte er diesen Gedanken noch gut abschütteln können, doch alle Rechtfertigungen, sie er sich dafür zusammengebaut haben musste, wurden spätestens dann bedeutungslos, als sein Vater sich eine dieser Menschen auch in sein privates Leben hineingeholt hatte.

Und dann musste es auch noch die sein.

Nagato hatte ein gewisses irrationales Grauen gegenüber dieser Frau gehegt, seid er sie das erste mal gesehen hatte, mehr noch als die Wissenschaftler erschien sie ihm als hätte sie keinerlei Präsenz an sich, nichts, was sie im besonderen ausgezeichnet hätte – Ein Allerweltsgesicht mit langen, dunklen Haaren, nicht weiter nennenswerten Gesichtszügen und Kleidern, die keinerlei Aufmerksamkeit auf sich zogen.

Er sah sie nie an Instrumenten hantieren, und sie war auch keiner der Befehlshaber der Station, zumindest nicht offiziell; Wenn sie Anweisungen gab, tat sie das still und ohne wirkliche Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch wenn wichtige Dinge besprochen wurden, schien sie immer irgendwie im Raum zu sein, sie schien sich an fast nichts zu beteiligen, und doch alles zu sehen.

Sie ließ sich kaum weiter beschreiben, als dass sie eben zwei arme und zwei Beine, zwei Augen und eine Nase gehabt hätte, und dunkle, nichtssagende Kleidung, es gab keine Eigenschaften, woran man sie hätte festmachen können, und wenn sie doch sprach, sagte sie dabei nichts.

Es gab einen Teil von ihm der sie am liebsten nie wieder gesehen hätte, und doch sah er dieses Phantom immer öfter in der Nähe seines Vaters.

Zuerst hieß es sie komme aus den höheren Kreisen der Organisation und habe besonders wichtige Aufgaben für seinen Vater, und obgleich sich schon damals ein deutlich anderes Muster abgezeichnet hatte, hatte er sich an diese Erklärung geklammert, und alles andere nicht wahrhaben wollen -

Bis sein Vater ihm natürlich sehr vorsichtig und nachsichtig erklärt hatte, was Nagato schon wusste – und natürlich hatte er seinem Vater gratuliert und ihm gesagt, wie sehr er sich für ihn freute.

Wie hätte er ihm dieses Glück nicht gönnen sollen? Hätte er etwa verlangen sollen, dass sein Vater sein eigenes Leben komplett hinwarf, um sich um Nagato zu kümmern, nachdem er schon so viele Opfer gebracht hatte, um sich in dieser düsteren, von der Zerstörung bedrohten Welt dennoch so gut wie möglich um seinen Sohn zu kümmern?

Wie kindisch wäre es, eine potentielle Stiefmutter direkt abzulehnen?

Er war ein vernünftiger Mensch, er wusste, dass dass nicht bedeutete, dass er ersetzt werden sollte oder das er und seine Mutter deshalb jetzt weniger wichtig waren – hatte er seinen Vater nicht selbst immer ermutigt, neben Arbeit und Kinderziehung auch sein eigenes Leben zu verfolgen, wie es von einem guten Sohn zu erwarten wäre?

Und wenn dem so wäre, wie kam es dann, dass er sich mit seinen Schulaufgaben in die Stille dieses sogenannten 'Schulzimmers' zurückgezogen hatte, um den Beiden aus dem weg zu gehen?

(Das an sich wäre nichts seltenes oder ungewöhnliches gewesen, und so war es auch nicht der Grund weshalb ihm dieser Augenblick insbesondere in Erinnerung blieb. Es hatte viele solche Abende gegeben seid der ältere Mitsurugi sich mit dieser Dame eingelassen hatte.

Das denkwürdige daran war eher, was als nächstes geschah:)

Der jüngere Mitsurugi hatte es fast schon geschafft, sich ganz und gar in die routinierte Einübung von Bruchgleichungen zu versenken, als die Tür mit einem Mal aufging – Gewöhnt an die Eintönigkeit dieses Ortes und von einem gewissen Gefühl von Ertapptheit durchfahren, als erwarte er eine Strafe für seine bösen Gedanken, zuckte der sonst eher reservierte Junge doch tatsächlich zusammen und stieß einen nicht besonders würdevollen Laut der Überraschung aus, während der Stift in seiner Hand bereits über den Boden kullerte.

Und was da durch die Tür spaziert kam, machte die Sache nicht gerade besser: „You got any pens?"

„Haste 'nen Stift?" wiederholte sie, zwar auf Japanisch aber noch in derselben lauten, unbeschwerten Stimme, wohl in der Annahme, das Nagato ihre anfängliche Frage nicht wirklich verstanden hatte – Aber das war es nicht, er war schlichtweg überwältigt und hatte nicht die leiseste Ahnung, wie er darauf jetzt reagieren sollte.

Vor ihm stand ein Mädchen, dass er noch nie zuvor gesehen hatte, obwohl er die anderen Kinder des Stationspersonals eigentlich alle kennen sollte, bekleidet in einer Schuluniform aus Hemd, Kravatte und Tartan-Faltenrock obwohl es hier kilometerweit keine Schulen geben sollte, offenkundig in seinem eigenen Alter aber frisiert wie eine Grundschülerin, mit zwei Zöpfchen, einem himmelblauen Haarreif und einer dicken roten Plastikbrille – und so unerwartet ihr Auftreten auch wirkte, umso mehr verhielt sie sich, als ob ihre Aufmerksamkeit hier völlif#g natürlich war, und beäugte Nagato, als ob er hier fehl am Platz wäre – und so ganz konnte er dies nicht leugnen.

„Die ham mit gesagt dass es hier Stifte geben soll.", setzte sie hilfreich hinzu, als ob das das wirklich Unwahrscheinliche an ihrer Anwesenheit in irgendeiner Form erklären würde.

„Bist du Stumm oder was? Nicke einmal für ja und zweimal für nein!"

Bald nach ihrer Verkündigung fasste sie aber schon nachdenklich mit einem Zeigefinger an ihr Kinn. „Wenn du taub bist, kannst du das natürlich nicht verstehen. Vielleicht hätte ich in der Schule einen Kurs für Zeichensprache belegen sollen... Das wäre alles viel leichter, wenn ich die Stifte schon hätte..."

Während Nagato sie weiterhin ungläubig anstarrte, schien sie entschlossen, sich mit Handzeichen zu behelfen, und deutete mit lebhaften Gesten das handschriftliche Verfassen von Texten an.

„Stift!" betonte sie, das Wort deutlich aussprechend für den Fall, das ihr Gegenüber ihre Lippen lesen konnte.„Wie eine Tastatur, aber ohne Strom."

Etwa dann erweckte der vorher zu Boden gekullerte Federschreiber ihre Aufmerksamkeit, den Nagato bisher benutzt hatte.

„Hm." meinte sie, als sie das Schreibgerät mit einem seltsam ausgestreckten Arm mit den Fingerspitzen aufhob und wie einen höchst suspekten Gegenstand betrachtete. „Der scheint mir zu dünn, und zu wasserlöslich. Haste vielleicht einen Edding oder sowas?"

Und während sie das fragte, so ganz beiläufig als ob es das normalste von der Welt wäre, führte sie den Stift vorsichtig zu ihrer Nase und schnüffelte hörbar daran.

Da wurde es Nagato endgültig zu viel: „WAS?!" entgegnete er – sein sonst beherrschtes Gesicht ähnelte deutlich mehr dem eines durchschnittlichen Schülers,der sich zum Beispiel über eine Klassenkameradin oder unfaire Benotung aufregte.

„Was soll DAS bitte? Hast du gerade wirklich allen Ernstes- Sag mal spinnst du?"

Das Mädchen verengte ihre Augen und sah ihn schnippisch an.

„Das ist nicht nett."

Damit konnte Nagato nun erst recht nicht umgehen, doch bevor die rationalen Teile seiner Selbst überhaupt darüber nachdenken konnten, hatten seine Reflexe schon in die defensive geschaltet:

„Was in aller-?! Was denkst du eigentlich, wer du bist? Was ist eigentlich dein Problem, hast du 'nen Vogel oder was?!"

„Mein Problem? Mein Problem? Du kommst mir aus heiterem Himmel blöd an, nachdem ich dir eine Frage gestellt hab, und du fragst, was mein Problem ist?"

Es hätte ihn nicht gewundert, wenn auch sie nun in Fahrt gekommen wäre, oder wenn sie jetzt bewusst einen tiefen Atemzug genommen hätte, doch obgleich sie in irgendeiner Form fundamental angenervt wirkte, konnte auch das ihre unerklärliche, unangemessene Ruhe nicht völlig erschütternd, so dass sie sich eher einem kleineren Ärgernis entsprechend zu ihm drehte und ein knappes, noch nicht einmal besonders beißendes Urteil fällte, das kaum über eine bloße Feststellung hinausging: „Du bist wohl ein ziemlich langweiliger Mensch."

Dennoch schien sie sich nicht weiter um die Eddings zu scheren, wegen denen sie angeblich hier wahr, sondern vollführte eine direkte 180° Wendung, um den Raum zu verlassen.

Er würde sie nicht wieder sehen, zumindest nicht während seines Aufenthalts auf Bethany Base, und die weiteren Implikationen dieses Treffens sollten ihm erst viel, viel später einleuchten – Zwar fragte er seinen Vater, ob irgendwelche Mädchen in seinem Alter auf der Station waren, doch dieser wusste darüber nicht bereit, und auch, wenn er den Eindruck hatte, dass 'Ueda' bei ihrem formlosen Herumexistieren im Hintergrund der Basis doch unweigerlich etwas hätte mitbekommen müssen, wenn so jemand wie dieses Mädchen dort herumschlich, doch der Gedanke, sie anzusprechen, war ihm zuwider.

Er hatte gedacht er würde erleichtert sein, wenn ihm nur versichert würde, dass er nicht wieder mit ihr zusammentreffen würde, doch die erwartete Erleichterung wollte sich nicht einstellen, und als er sich bei Schichtwechsel niederlegte (denn Abend konnte man es nicht nennen), plagte ihn statt dessen sein Gewissen, und eine Gewissheit, dass er sich ihr gegenüber nicht derartig verhalten sollen hätte – Selbst wenn sie seltsam und laut und unhöflich gewesen war, hatte sie doch nichts getan, was seine Anschuldigungen verdient hätte – vielleicht hätten sie sich sogar anfreunden können, statt dessen hatte er sie verärgert, und so sehr er sich noch darüber aufregen wollte, wie unmöglich und unerklärlich sie sich verhalten hatte, konnte er doch nicht den Eindruck abschütteln, dass er die 'Verrückte' mit seinen scharfen Kommentaren zumindest einen kurzen Moment lang wirklich sichtlich getroffen hatte... oder vielleicht versuchte er nur, sich das weiß zu machen, weil sie es war, die ihn getroffen hatte.

Er war nun mal wirklich kein besonders interessanter Mensch. Er könnte jetzt sagen, dass er nun versuchte, das richtige zu tun und anderen keine Probleme zu machen aber, konnte er es dieser Fremden, oder seinen früheren Mitschülern wirklich verübeln, wenn sie ihn für einen langweiligen, konformistischen, verklemmten Streber halten würden?

Mit welchen Argumenten wollte er das abstreiten, wenn er nicht mal damit auskommen könnte, dass sein Vater sich eine neue Freundin zugelegt hatte? War Ueda-san wirklich nicht vertrauenswürdig, oder sah er da lediglich, was er sehen wollte?

Was seinen Stift anging, so fand er ihn nächsten morgen auf seinem Schreibtisch wieder – trotz aller unfreundlichen Worte, die sie gewechselt hatten, und der Art, wie sie ihn einfach ohne wirklich zu fragen hatte mitgehen lassen, hatte die Fremde ihn doch zurückgebracht, auch wenn sie es dabei tunlichst vermieden hatte, seinen Weg zu kreuzen – nicht mal eine Nachricht hatte sie ihm dagelassen.

Und Nagato könnte nicht behaupten, dass er an ihrer Stelle anders gehandelt hätte – um ehrlich zu sein konnte er nicht mit Sicherheit sagen, dass er nach dem, was geschehen war, nicht wesentlich Nachtragender gewesen wäre als sie; Er hätte nicht erwartet, den fraglichen Stift jemals wieder zu sehen.

SELBES DATUM, NEO-TOKYO-3

„A-Ayanami-san?"

Ohne, dass ihr Gegenüber ihren Blick von der Fensterscheibe abwendete oder zumindest irgendeine noch so kleine Regung als Reaktion auf ihre Worte zeigte war es schwer zu ahnen, ob ihre stille Mitschülerin sie überhaupt zur Kenntnis genommen hatte, doch so ernüchternd und bedrückend es auch scheinen mochte, so hatte Hikari doch gelernt, nichts dergleichen zu erwarten.

Es war lange her seid sie pflichtbewusst versucht hatte, sich mit ihr anzufreunden oder ihr sonst wie dabei zu helfen, in irgendeiner Form Anschluss zu finden. Manchmal schien es, als ob die daran nicht das geringste Interesse hätte, aber das konnte Hikari sich eigentlich nicht vorstellen – viele ihrer Freundinnen waren zu dem Schluss gekommen, dass sie einfach 'seltsam' oder eine 'Spinnerin' sei, aber nachdem die Klassensprecherin zumindest den Versuch angestellt hatte, sie einzugliedern, hatte sie nicht den Eindruck, dass es so etwas simples war – Das hieß aber auch nicht, dass sie auch nur im entferntesten zu ihr durchgedrungen war, und so wusste sie umso weniger, wie sie sich ihrer verschlossenen Mitschülerin gegenüber verhalten sollte.

Bei jeder anderen Person würde deren Ausstrahlung und Einstellung zumindest annähernd signalisieren, in was für einer Stimmung sie waren ob ob sie ihr wohlgesonnen waren – Sie war es zwar gewohnt, als Streberin oder strenge Aufpasserin verlacht oder anderweitig nicht ernst genommen zu werden, doch da wusste sie zumindest woran sie war und konnte sich Strategien zurecht legen, um damit umzugehen (wie zum Beispiel das strenge Durchgreifen)

Bei dieser kompletten Funkstille wusste sie dagegen nicht mal, wo sie anfangen oder worauf sie reagieren sollte, und stand entwaffnet da; Da waren schlichtweg keine Angriffs- oder Ansatzpunkte, weder für die 'Strenge Klassensprecherin' die die Jungs meist zu sehen bekamen, noch für die 'Fürsorgliche Freundin', als die sie sich einer handvoll Mädchen oder zum Beispiel auch ihren Schwestern zeigte.

An sich gab Rei ihr wenig herkömmliche Gründe, sie aufzusuchen. Ihre Klassendienste erledigte sie immer ohne Aufforderung, ihre zahlreichen Fehlstunden waren immer entschuldigt und ihre Zensuren trotzdem weitgehend im oberen Bereich, zudem hatte sie weder ihr noch den Lehrern je irgendwelche Gründe gegeben, sie zur Disziplin heranzuziehen – Keine vergessen Hausaufgaben, keine Raufereien in der Mittagspause, keine fünf-minuten-zu-spät, und das fast schon für zwei lange Jahre, in denen sich hinter ihrem Eintrag im Klassenbuch kein einziger Strich angesammelt hatte, keine Notizen und Vermerke, aber auch keine besonderen eigenständigen Projekte, obwohl der eine oder andere Lehrer gewiss versucht hatte, sie in ein Förderprogramm zu bekommen – Die Antwort konnte sich Hikari schon denken: „Das wird nicht nötig sein."

Sie war allem Anschein nach eine gewissenhafte Schülerin deren Antworten man hie und da entnehmen konnte das ihr Verständnis weit über das eine durchschnittlichen Achtklässlerin hinaus ging, und doch schien sie sich nicht über das Mindestmaß hinaus in der Schule zu engagieren, und auch am Kulturprogramm hatte sie sich nie beteiligt – Hikari konnte sich nicht entsinnen, sie je in irgendwelchen AGs gesehen zu haben, von Klassenfahrten und Schulfesten ganz zu schweigen.

Und nach dem misslichen Ausgang ihrer ersten Versuche hatte sie es ehrlich gesagt vermieden, weiter in der Sache rumzustochern, und hatte gelernt, ihr aus dem Weg zu gehen, wenn es sich nicht vermeiden ließ.

Trotzdem gehörte es zu ihrem Pflichten als Klassensprecherin, hin und wieder mit ihr über schulische Belange zu sprechen, und Hikari nahm ihre Pflichten ernst, auch dann, wenn sie eben unangenehm waren.

Sie konnte sich nicht dazu überwinden, nicht zumindest der Höflichkeit wegen eine Sprechpause einzulegen, in der Rei hätte antworten können, doch sie wusste, dass sie nichts weiter zu erwarten brauchte, wenn sie das Gespräch nicht eigenständig weiter führen würde:

„Entschuldige wenn ich störe, aber hasst du den Zettel für den Elternabend dabei?"

Wortlos holte sie ihre Tasche hervor und händigte das Blatt Papier aus, wie alle Male zuvor, und wie erwartet entsprach es demselben Muster wie eh und je: Es war unterschrieben, von einer harten, scharfkantigen Doktorschrift deren Besitzer sich einige Zeilen weiter oben mit vollen Namen zu erkennen gab, doch die angekreuzten Kästchen verkündeten, dass der Urheber dieser Schriftzüge beim nächsten Elternabend nicht anwesend sein würde.

Der mysteriöse Fremde, den von der Schüler- und Lehrerschaft noch niemand zu Gesicht bekommen hatte, trug einen männlichen Vornamen, doch sein Nachname war nicht Ayanami.

Das allein wäre aber noch nichts besonderes gewesen; Nach dem Second Impact gab es so einige Familien, aus denen diverse Tragödien das eine oder andere Bruchstück herausgebrochen hatten, und Hikari wusste selbst zu gut darüber Bescheid,um mit direkten Fragen nachzubohren.

Statt dessen unternahm sie noch einen eher zahnlosen und zu Beginn schon recht entmutigten Versuch mit der verständnisvollen Tour: „Dein Stiefvater hat also wieder einmal keine Zeit, hm?"

„Stiefvater?"

„Ich meine, dein Onkel. Großvater? Pflegevater? Also, deine Familie."

„Ich habe keine Familie." gab sie sachlich zurück, doch trotz ihres nüchternen Tonfalls oder gerade deswegen konnte Hikari nicht anders, als zu reagieren.

„Oh, das... das tut mir so leid-! Ich hätte nicht fragen sollen...-"

„Wieso?"

Das war eine Frage, sie ihr so noch nie jemand gestellt hatte.

„Eh... nunja... Ich wollte deine Gefühle nicht verletzen, oder dich an irgendwelche unangenehme Dinge erinnern..."

„Und wieso denkst du, diese Frage würde das zur Folge haben?"

„Nun das... dass ist jetzt nicht wichtig..."

„Wieso hast du dann überhaupt mir mir gesprochen? Gibt es einen besonderen Grund, oder ist das ein weiterer Versuch, mich 'einzugliedern'?"

Aus Ayanamis Stimme ließ sich nichts weiter herauslesen, ihr Ton war neutral, wenn nicht ein wenig frustriert, doch Hikari konnte angesichts dieser direkten Fragen nicht anders, als sich ein wenig wie bei einem Kreuzverhör vorzukommen. „Nunja, Yamaguchi-sensei hat mich gebeten, dich zu bitten, ob du nicht deinen Vormund bitten könntest, doch zu kommen?"

„Aus welchem Grund? Mir war nicht bewusst, dass es mit meinem Betragen oder meinen schulischen Leistungen irgendwelche Probleme gab."

„Die gibt es auch nicht. Yamaguchi-sensei will nur über deine Perspektiven für die Zukunft sprachen... und er ist vielleicht auch ein bisschen besorgt über dein... persönliches Befinden..."

Stille.

Hatte sie mit diesem letzten Kommentar eine Grenze überschritten?

Sie sollte es nie erfahren, zumindest nicht aus Reis knapper, kurzgefasster Antwort:

„Das wird nicht nötig sein."

SELBER ORT, GEGENWART

„Mensch Shinji, da steckst du also!"

Hätte er es sich aussuchen können, wäre es dem Third Child wohl lieber gewesen, sich erst einmal allmählich auf seine 'Rückkehr in die Realität' einzustellen, doch als Touji, Kensuke und Nagato ihn bei seiner Rückkehr ins Klassenzimmer direkt an der Eingangstür abfinden, war es einfach, sich wieder in alte Muster hinein verfallen zu lassen und seine Rolle in diesem Theaterstück weiter zu spielen, auch wenn er sich der Bühne und der Scheinwerfer jetzt bewusst war, oder auch des Vorhanges, der unweigerlich über sie alle fallen würde.

Seine Freunde ließen ihm keine andere Wahl, als sie ihn mit verschwörerischen Grinsen umschwärmten, als wüssten auch sie etwas, das er nicht wusste, aber dass war soweit nichts neues, von Touji und Kensuke war er das ja gewohnt.

Was ihn eher überraschte war das Nagato, der sich sonst eher im Hintergrund hielt, diesesmal in der Mitte stand, und von den anderen zweien flankiert wurde wie ein griechischer Gott von den Dioskuren auf irgendeinem antiken Fresco.

Die Drei schienen irgendwas ausgeheckt zu haben, irgendwas neues, und Shinji hatte es nicht einmal geahnt, weil er zu sehr damit beschäftigt gewesen war, ihnen aus dem Weg zugehen, den Kopf zu hoch in den ungewissen Nebeln der Zukunft, um die Gegenwart noch erkennen zu können - Dabei sollten die lächelnden Gesichter seiner Freunde doch gerade dass sein, was er bewahren und beschützen wollte.

Hatte er sich angeschickt, ihre Probleme zu übersehen, weil das erdrückende Gewicht seiner eigenen ihn ganz und gar vereinnahmt hatte? 1-A Freundschaft Ikari, wirklich, gute Arbeit.

Dabei hatte er den dreien so viel zu verdanken.

Doch wenn sie ihm seine gedankliche Anwesenheit verübelten, so ließen sie es sich zumindest nicht anmerken, dafür waren sie viel zu sehr miteinander beschäftigt: Nagato brachte sich in eine stramme Haltung, als ob er etwas ernsthaftes zu sagen hätte, doch zu ernst konnte es nicht sein, wenn man die Blicke betrachtete, die Touji und Kensuke ihm zu warfen, und eher in die Richtung „Jetzt komm schon, trau dich!" gingen.

Doch da er nicht wusste, was er zu erwarten hatte, konnte Shinji nicht anders, als ein klein wenig nervös zu werden. Er hatte sie doch nicht etwa verärgert, oder?

„Ich... ich habe euch etwas zu sagen." begann Nagato. Sein ernster, gefestigter aber doch etwas verkrampfter Tonfall ließ vermuten, dass er angestrengt nach den richtigen Worten suchte. „Ich muss euch gestehen, dass ich nicht ganz ehrlich mit euch gewesen bin. Es... es geht um den Berufsorientierungstag. Ich hatte euch gesagt, dass ich noch keine Pläne habe, also, bezüglich meiner zukünftigen Karriere. Das entspricht nicht ganz der Wahrheit."

„Ach das wars!" kommentierte Kensuke. „Da brauchste dir doch nicht so einen Kopf zu machen, wegen so was werden wir dir schon nicht den Hals um drehen."

„Also echt man!" stimmte Touji zu. „Als du meintest du hättest irgendwie ein dunkles Geheimnis das du uns allen gestehen willst, hab ich mir echt was schlimmeres vorgestellt."

„Oh? Was denn zum Beispiel?" fragte Kensuke spielerisch. „Na keine Ahnung! Bei dem Vorspiel mindestens sowas wie, zum Beispiel, dass er sich in die Klassensprecherin verknallt hat. Oder sogar in Shikinami!"

„Bääähgitt!" meinte Kensuke. „Aber nun sag schon, was willste denn werden? Ist es was peinliches?"

„Oder was angeberisches? Oder hast du entschieden, die Schule hinzuschmeißen um deine geheime Leidenschaft für Tanzen zu verfolgen?"

„Das ist es nicht... es ist nur..."

MITSURUGI HAUSHALT, VORABEND

„Sag mal Papa..."

„Ja?" Der ältere Mitsurugi lehnte sich zurück und drehte sich in Richtung des Esstisches, wo sein Sohn schon länger leicht nervös mit einem seiner Geduldsspiele herumgespielt hätte, oder dieses vielmehr in und wieder umgedreht hatte, ohne die kleine Kugel darin gezielt auf einen sinnvollen Pfad zu geleiten.

Ganz wagte er es dann doch nicht, sich von dem brodelnden Kochtopf abzuwenden. Er hatte sich zwecks dieser Tätigkeit eine blaue Schürze umgeschnürt und das lange Haar zusammengebunden.

Nagato saß seinerseits bereits in einem eleganten schwarzen Pyjama aus seidigem Material da.

„Was wenn ich... wenn ich kein Ingenieur werden möchte?"

Der ältere Mitsurugi seufzte, doch es war kein Laut der Enttäuschung, sondern ein gutmütiges Eingeständnis. An dieser Stelle hielt er es dann doch für nötig, den Herd abzudrehen und sich zu seinem Sohn an den Tisch zu bewegen. Dieser verfolgte das Geschehnis freilich mit einer Art subtiler Panik, „Nein, du kannst ruhig weitermachen, du musst wirklich nicht-"

„Nagato." sagte der ältere Mann, bewusst und betont aber doch ohne Vorwurf.

„Ich- ich weiß dass du gerne hättest, dass ich ein Ingenieur werde so wie du, und, eine Zeitlang hab ich das auch gedacht aber- Also versteh mich nicht falsch, ich wollte immer so sein wie du, aber ich habe nachgedacht..."

„Nagato. Jetzt hör mir doch mal zu-"

„Ich... ich möchte ein Arzt werden!"

„Die meisten Väter wären ganz aus dem Häuschen, wenn sie einen Sohn hätten der Arzt werden will. Und du entschuldigst dich dafür?"

„Aber Papa..."

„Es stimmt. Ich will gar nicht erst so tun, als ob mir diese Vorstellung kein Magendrücken bereitet., es ist ein sehr stressiger Job bei dem man keine Freizeit hat, ständig irgendwelche Kurse machen muss und sehr viel Verantwortung trägt. Ich hätte mir für dich eigentlich etwas anderes gewünscht, etwas ruhigeres vielleicht wo du ein bisschen ausspannen kannst aber. ABER.

Wenn ich mit dir auch nur irgendetwas richtig gemacht habe, dann solltest du wissen, dass ich dich immer unterstützen werde egal, welchen Weg du wählst – auch, wenn das einer ist, der mir vielleicht nicht gefällt.

Du warst immer ein guter Junge und hast mir niemals Kummer gemacht. Aber du bist jetzt in einem Alter wo es ganz natürlich ist, dass du lernst, deinen eigenen Weg zu gehen. Ich weiß, dass du mich immer bewundert hast, aber du bist du, nicht ich. Was für mich richtig ist muss nicht unbedingt für dich stimmen und das du herausfindest und ausprobierst, was für dich funktioniert, gehört zum Erwachsenwerden dazu. Ich bin auch nur ein Mensch und glaub mir, ich weiß nur zu gut, dass ich nicht immer Recht habe.

Wenn es darauf ankommt ist es mir lieber, dass du den Werten folgst, die ich dir zu zeigen versucht hab, als das du speziell mir folgst, oder dem was ich sage oder tue...

Und hey, ich bin wohl der letzte, der irgendwem vorschreiben sollte, sich keinen stressigen, aufwändigen Job zu besorgen... Sieh mich einmal an!

Ich schätze mal das heißt, dass wir zwei doch nicht so verschieden sind, wie es manchmal aussieht.."

Wie sooft war es Touji, der als erstes eine Antwort parat hatte. „Dann willst du also ein Doktor werden, und deshalb das ganze Drama?"

Nagato bemühte sich zu einem nicken.

„Streber!"

„Hey!" Es war fasst schon erleichternd zu sehen, wie Nagato solch einen Seitenhieb mal zurück gab. Kensuke war wie üblich gelassener: „Warum nicht? Mit deinen Zensuren kannst du dir das durchaus leisten. Im Gegensatz zu uns Normalsterblichen."

Das brachte den älteren Jungen nun wieder leicht in Verlegenheit, doch diesesmal hatte Shinji tatsächlich einen Beitrag bereit, um die Situation zu entschärfen: „Das kann ich mir bei dir wirklich gut vorstellen."

„Meinst du wirklich?"

„Nun, ähm, ich dachte schon immer dass du so einen verantwortlichen Eindruck machst, und man merkt dass du es sehr wichtig findest, den Menschen zu helfen... dass passt doch ganz gut zu einem Arzt, oder etwa nicht? Um ehrlich zu sein wünsche ich mir oft, ich könnte da mehr wie du sein..."

Nachdem Shinji das Gespräch unbeabsichtigt in eine ernstere Richtung gedreht hatte, schlug auch Touji einen unerwartet offenen Ton an: „Du willst wohl anderen helfen, weil du selbst diesen dicken Verband mit dir rumschleppen musstest, was?"

„Nun, dass auch, aber..."

„Aber Wa-as?" wollte Kensuke wissen.

„Also, wenn es jemanden gäbe von dem ich sagen könnte, dass er mich dazu inspiriert hätte, wärst das eigentlich du, Shinji."

„Was, ich? Wieso denn ich?"

Doch was für ihn völlig unerwartet kam, schienen Touji und Kensuke sehr vorhersehbar zu finden, sodass sie im Vorraus schon wissend zueinander hin kicherten.

„Na du hast diese ganze Stadt gerettet, wenn nicht die ganze Stadt, und das schon... so oft...

Ich hab immer versucht das richtige tu tun, aber ich hätte nie gedacht das jemand wie ich wirklich etwas beitragen kann.

Es ist mir nie wirklich leicht gefallen, Anschluss zu finden. Alles, was ich wirklich kann ist büffeln und pauken. Aber nachdem ich dich getroffen hab, glaube ich dass... dass ich vielleicht auf meine eigene Art und weise helfen kann. Ich meine, du bist ein ganz gewöhnlicher, durschnittlicher Junge so wie ich oder die zwei hier.-"

„Hey!"

„Aber trotzdem hast du uns alle beschützt! Also muss selbst ich etwas tun können. Als Mediziner muss man doch viele Sachen auswendig lernen, nicht? Auch wenn ich nicht gut darin bin, mit anderen zu sprechen und so, ich könnte ihnen trotzdem helfen, nicht wahr?"

„Sicher doch! Auf jeden Fall! Du wärst bestimmt ein ganz toller Arzt, Nagato!"

Das Third Child sagte das nicht unbedingt, weil er plötzlich an die Zukunft glaubte, sondern eher um den Missstand auszugleichen, dass er bis dahin nicht bemerkt hatte, was seinen Freund da eigentlich beschäftigt hatte, ja nicht mal in Betracht gezogen hatte, das hinter seiner unklaren Antwort auch eine längere Geschichte stecken könnte.

Shinji gab also die Antwort, die Nagato verdient hatte, oder die er selbst an seiner Stelle hätte hören wollen. Das brachte ihn aber unweigerlich zu der Frage zurück, wie es um sein eigenes Verhältnis zur Zukunft stand.

Selbst jetzt noch klebte der andere Blickwinkel an den Rändern seiner Wahrnehmung, die Perspektive, aus der aller hier nur ein Schnapschuss einer lang verlorenen Vergangenheit war, ein verlorenes Paradies. Nachdem er sich einmal auf diese Frage und diese Erkenntnis eingelassen hatte, ließ sie sich nicht mehr komplett in die Flasche zurück stopfen und lauerte weiterhin auf seine streifenden Gedanken.

Irgendwo hatte er gehört, dass ein Merkmal eines reifen Verstandes darin bestand, dass er eine Idee in Betracht ziehen konnte, ohne sie direkt zu akzeptieren, und obwohl Shinji sich keinesfalls als reif bezeichnen würde, hatte ihn sein bisheriger Werdegang doch gezwungen, Teile seiner Kindheit übereilt abzustreifen, bevor er dafür bereit gewesen war.

Vielleicht könnte man seine Einstellung auch kritischer oder gar pathologischer sehen, als eine Art 'Doublethink', doch letztlich blieb die Herleitung dieselbe – Er tat, was er tun musste, um seinen Weg weiterhin gehen zu können, und wenn das auch bedeuten mochte, dass er die Frage nach der Realität oder seinem Spagat zwischen den Beiden Welten erst einmal zur Seite legen musste.

Die Welt, die ihn derzeit umgab erwartete, dass er ihr als Realität begegnete und er konnte es sich nicht leisten, die Gegenwart zu übersehen um sich den Schatten der Zukunft hinzugeben.

Auch hier gab es Herausforderungen zu bewältigen, Gedanken, die ihn beschäftigt hatten und vor allem Menschen, die ihm nicht gleichgültig werden durften.

Er musste sich vor Augen führen, wofür der da eigentlich kämpfte, und sei es nur, weil er nicht wusste, wo er sonst seine Stärke hernehmen sollte.

Doch genau so wenig wie er sich der Gegenwart erziehen konnte, hätte er sich ganz vor der Zukunft verschanzen können –

Wenn sie immer das Gewand unwirklicher Visionen oder unergründlicher Orakelsprüche getragen hätte, wäre das eine Sache gewesen, doch hin und wieder platzierte sie ihre Botschafter dort, wo er sie am wenigsten erwartete, und scheute sich nicht, die alltägslichsten Begebenheiten und Situationen für sich einzuspannen, und sei es nur die Klassensprecherin, die ihn am Ende der letzten Unterrichtsstunde zu sich winkte.

Zuerst war er mit seinen Gedanken noch ganz in der Gegenwart und befürchtete, dass er sich dem Resultat einer weiteren Unachtsamkeit stellen würden müsste, doch es wurde schnell klar, dass sie auf ein Thema hinaus wollte, mit dem er sich lieber noch nicht direkt auseinandergesetzt hätte.

„Entschuldige die Frage, aber wie steht's mit deiner Teilnahme am Berufsorientierungstag?"

Die Zukunft, die Zukunft, die Zuukunft!

Als ob er davon eine Vorstellung hätte. Selbst wenn weder die Engel noch SEELE noch die Zeitschleife währen könnte er sich nichts darunter vorstellen. Aber das war ja nicht Hikaris Schuld.

Dennoch trug seine Antwort wohl einen merklich geknickten Ton an sich, den Misato als eine verkappte Frage nach Aufmerksamkeit gewertet hätte:

„Ich schätze, Misato-san ist dafür verantwortlich... Müsstest du das nicht schon von Shikinami-san wissen?"

„Nun, sie ist auf das ganze Thema nicht gut zu sprechen..."

„Tut mir leid..."

Shinji erinnerte sich an ihren Ausbruch damals, als Misato vor kurzem etwas Ähnliches angesprochen hatte. Damals wusste er noch nichts von 'dort drüben', und so fühlte es sich an, als würde es noch viel weiter zurückliegen, als dies eigentlich der Fall sein konnte.

„Ich schätze Misato-san wird das auch machen... Außer sie überzeugt Kaji-san, für sie dorthin zu gehen, aber so wie sie damit nichts zu tun haben will, kann ich mir das eigentlich nicht vorstellen..."

"Aha... … Ikari-kun?"

„Ja?"

„Kann ich dich noch was fragen?"

„Kommt drauf an, was."

„Weißt du zufällig, ob Ayanamis Vormund dieses mal kommt?"

Das traf ihn jetzt etwas unvorbereitet, und wäre wohl ein weiteres Mienenfeld, auf dass er sich jetzt nicht wirklich einlassen wollte.

„Wieso fragst du mich das?"

„Es gehört zu meinen aufgaben als Klassensprecherin! Und um ehrlich zu sein-... Also versteh das jetzt nicht falsch, aber sie ist mir nicht wirklich zugänglich... Vielleicht liegt es daran, dass ihr beide EVA Piloten seid, aber du bist eigentlich der einzige aus unserer Klasse, mit dem sie wirklich redet, und da dachte ich mir dass ich vielleicht eher zu ihr durchdringe, wenn ich sozusagen durch dich rede. Ich hab zwar versucht, sie in unsere Klassengemeinschaft einzugliedern, aber ich war nie besonders erfolgreich dabei... Aber du hast es irgendwie geschafft. Ich weiß nicht wie du das gemacht hast, aber wenn du irgendwelche Tipps hast-"

„Ich hab gar nichts gemacht, zumindest nichts besonderes... Da ist nichts großartig kompliziertes dabei. Ayanami ist einfach Ayanami... "

„Ich schätze wenn du das so siehst ist das eigentlich eine gute Sache..."

„Es ist nicht so, als ob ich sie jetzt sooo gut kennen würde... Solche Sachen weiß ich auch nicht."

„Dann hast du ihn auch nie getroffen? Ihren Vormund meine ich?"

Das wäre jetzt ebenfalls ein sehr weites Feld, dass er sich jetzt nicht auch noch antun wollte, und so versteckte er sich hinter einer Gegenfrage: „War er denn nie in der Schule?"

„Nicht dass ich wüsste. Zu den Elternabenden kommt er nicht, und wenn es mal irgendwelche dringenden Pflichtveranstaltungen gibt kommen meistens irgendwelche Leute von NERV, junge Leute, und immer verschiedene. Angemeldet hat sie eine junge Frau, letztes Jahr war ein junger Mann da und einmal war sogar eine von den Sicherheitsleuten da, aber ich glaube nicht, dass einer davon ihr Vormund war... Aber es ist definitiv ein Mann, der Name und die Unterschriften auf ihren Papieren sind immer die gleichen. "

„Aha..."

Shinji konnte sich leider schon sehr gut denken, zu wem diese Unterschriften gehörten.

Er wusste nicht war er tun würde wenn sie ihm gesagt hätte, dass er wegen Rei in der Schule aufgekrezt war wie er es für Shinji selbst nie getan hätte, aber zu wissen, dass dem nicht der Fall war hinterließ keinen wesentlich besseren Geschmack in seinem Mund.

„Es kann sein, dass das nur ein Zufall ist, aber als ich neulich die Zettel eingesammelt habe, ist mir etwas aufgefallen... Kennst du einen Herrn Namens Gendo Ikari? Ist das vielleicht ein Verwandter von dir?"

„Das ist..."

Shinji verschluchte seinen Ärger, bevor er Gelegenheit hatte, sich auf seinem Gesicht abzuzeichnen.

„Das ist der Kommandant von NERV, der Chef von der Organisation der die EVAs gebaut hat, für die ich und Ayanami arbeiten."

„Ach so... Dann ist Ayanami wohl aus organisatorischen Gründen bei ihm eingeschrieben, wegen den EVAs und so, wie mit euch zwei und Katsuragi-san..."

Anscheinend.

„Dann stimmt es wohl..."

„Was?"

„Das sie gar keine Familie hat. Sie hat es mal erwähnt, aber ich hatte immer gehofft dass sie irgendwo eine feste Bezugsperson hat."

Shinji konnte nicht sagen, dass er überrascht war, nachdem er ihre Wohnung und ihre Lebensumstände gesehen hatte. Eher noch wunderte er sich darüber, dass die Klassensprecherin wohl auch eine fürsorgliche oder sensible Seite an sich hatte, die man ihr sonst gar nicht zutrauen würde, wenn man bedachte, dass sie so viel Zeit mit Asuka verbrachte.

Andererseits war es wohl ganz natürlich wenn man bedachte, dass sie jemandes große Schwester war – Nicht das Shinji sich als Einzelkind wirklich etwas darunter vorstellen könnte.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, wie das ist, ich meine, ich habe mindestens noch meinen Vater und meine Schwestern... "

Vielleicht. Shinji wusste nicht in wie weit er sich da anschließen konnte. Sicher, sein Vater lebte noch und alles, aber viel hatte er davon nicht gehabt. Vielleicht war seine eigene Situation dann doch näher bei Reis – oder auch nicht:

„Ich frage mich, ob sie in einem Waisenhaus aufwachsen musste, bevor sie zu NERV gekommen ist. Nach den Second-Impact-Kriegen war das ja keine Seltenheit... Vielleicht ist sie ja deshalb so... eh...

Du musst bestimmt los. Weißt du was? Wenn ich ihr in Zukunft mal etwas mitteilen will, komm ich zu dir! Tschüss dann!"

Toll.

Jetzt sollte er nicht nur als der Örtliche Rei-Experte herhalten, sondern auch noch als ihr Pressesprecher?

Bis gerade eben hatte Hikari noch mehr über sie gewusst als er.

Er musste wieder an die Sache mit dem normalen Leben denken, und wie er sich diesbezüglich glücklich zu schätzen hatte. Die Klassensprecherin hatte eben nur bestätigt, was er sich eigentlich denken konnte, nämlich dass für Rei nicht viel dergleichen übrig geblieben war, ob sie ihre frühe Kindheit nun in einem Waisenheim oder sonst irgendeiner Einrichtung verbracht hatte, wo sie wie ein Fließbandprodukt abgefertigt wurde, oder ob sie ihre Familie im Krieg verloren hatte, vielleicht sogar vor ihren eigenen Augen... Seine Kenntnis darüber, wozu der Kommandant von NERV im Stande war, inspirierte ihn sogar zu düsterern Vermutungen, die Hikari sich gar nicht erst ausmalen könnte – ob sie sein Vater wohlmöglich direkt aus dem Waisenheim rekrutiert hatte, und ihr versprochen hatte sie aufzunehmen, wenn sie sich nur ganz seinen Killermaschinen hingab?

Oder hatte er sie gar rekrutiert, indem er ihr, ihren Erziehern oder vielleicht sogar ihren Angehörigen versprochen hatte, für ihre medizinische Versorgung aufzukommen? Das würde jedenfalls erklären, warum sie ihm gegenüber so loyal war – Vielleicht waren ihre Eltern ja noch nicht einmal tot, sondern hatten sie verlassen, weil sie es sich nicht leisten konnten, sich so kurz nach dem Second Impact um ein krankes Kind zu kümmern... wenn sie nicht sogar wegen ihres Zustands und ihres ungewöhnlichen Aussehens verstoßen worden war.

Shinji konnte sich nur zu gut vorstellen, dass ein Mensch sich nach so einer Erfahrung mit jedem noch so mickrigen Krümelchen Zuwendung zufrieden geben würde...

Doch was auch immer sich davon zugetragen hatte, oder ob nun etwas vollkommen anderes dahinter steckte, im Vergleich dazu konnte er sich mit seinem Lehrer wohl noch glücklich schätzen.

An seinem bisherigen Leben war nicht viel erfreuliches gewesen aber es war auch nicht absolut grauenhaft, zumindest verglichen mit den Pflichten eines EVA Piloten, und doch waren es ebendiese Pflichten, die Rei schon sein frühester Kindheit aufgebürdet worden waren.

Nachdem Hikari ihren Pflichten als Klassensprecherin nachgekommen war, wendete sie sich als nächstes ihren Pflichten als Freundin zu.

Sie war sich zunächst ehrlich nicht sicher, ob sie die dritte im Bunde der EVA-Piloten noch auf dem Schulgelände finden würde, doch ihr Bauchgefühl sollte sie nicht im Stich lassen:

Kaum, dass sie durch den Haupteingang geschritten war, erspähte sie den unverwechselbaren Haarschopf ihrer besten Freundin.

Sie lehnte nur scheinbar lässig am Maschendrahtzaun und bemühte sich sichtlich, nicht in die Nähe des Eingangs zu blicken. Ihre rechte Hand hatte sich dennoch so fest in den Maschendraht gekrallt dass dieser sich sichtbar verformt von ihr, doch der Rest von ihr bemühte sich noch um eine aufrechte, stolze und vor allem eisig kalte Haltung, die jedem menschlichen Wesen bis auf zwanzig Meter nahe legen sollte, einen großen Bogen um sie zu machen.

Doch Hikari war nicht 'jeder'.

Sie fühlte sich wenn überhaupt an ihre Schwestern erinnert, die schon so manche trotzige oder rebellische Fassade hinter sich hatten, und so ahnte sie, dass die Wand, die das Second Child um sich errichtet hatte, ebenso weit hoch reichte, wie sie dünn war.

„Ich verstehe bloß nicht, warum ich diesen dämlichen Berufsorientierungsmist auch mitmachen muss! Ich habe schon einen Job!

Ich hab mich sicher nicht jahrelang abgerackert, damit ich am Ende genauso behandelt werde wie diese kleinen Jungs! Ich habe mit denen absolut nichts gemeinsam!"

Die Evapilotin unterstrich ihre Worte damit, dass die die Limodose, die Hikari ihr zuvor gekauft hatte, erst einmal gehörig zerquetschte – Glücklicherweise hatte sie deren Inhalt bis dahin schon ausgeleert, noch bevor sich die beiden Mädchen auf eine der zahlreichen Parkbänke auf dem Schulhof verlagert hatten.

„Die Lehrer in dieser Einrichtung sind einfach zu unflexibel!" verkündete sie, während sie das malträtierte Stückchen Metall zur Krönung auch noch mit einem gepfefferten Wurf in die Abfalltonne beförderte. „Alles, was die kümmert ist dass sie es leicht haben, auch wenn das heißt, dass sie uns alle gleich behandeln, als ob wir nicht alle völlig unterschiedliche Veranlagungen und Talente hätten!"

„Ich gebe zu dass du da wohl nicht ganz Unrecht hast... aber warum ist das denn so schlimm? Also jetzt nicht das mit der Schule, aber das mit der Berufsorientierung. Du musst es ja nicht komplett ernst nehmen, viele von uns werden vielleicht mal etwas ganz anderes werden als das, was wir uns jetzt vorstellen..."

„Ich aber nicht!"

„Ich weiß, aber du kannst doch... nur aus Spaß hingehen, nur so damit du weißt was es alles gibt, falls du später mal was anderes machen willst... Ich meine, was ist wenn diese Monster mal alle besiegt sind?"

Doch irgendwie erzielte das nicht ganz die Wirkung, die Hikari sich erhofft hatte.

[NERV HQ, vor nicht all zu langer Zeit]

Er konnte ihre gedrückte Stimmung unmöglich übersehen haben, doch fernzubleiben lag einfach nicht in seiner Natur (Ein Spion steckt seine Nase bekanntlich überall rein)

Dennoch hätte sie es wohl wertzuschätzen gewusst, wenn er jedes andere Thema dieser Welt angesprochen hätte.

Ihr war einfach nur alles zuwider gewesen und es war noch nicht ganz Zeit für den nächsten Synchrontest, also hatte sie sich entschieden, sich in NERV's hauseigenem Pool ein wenig abzukühlen. Wie durch ein Wunder hatte sie doch tatsächlich das Glück, nicht in die Visage des First Childs rein zulaufen, deren Anblick ihren Tag wohl endgültig ruiniert hätte, doch trotzdem fand sie am heutigen Tag einfach keine Freude und es endete damit, dass sie schon halb trocken über dem Tisch nahe des Pools hing, an dem sich Shinji sonst vor dem Wasser in Sicherheit brachte, und sowohl rast- als auch ziellos mit den Nägeln auf der Plastikfläche des Tisches herum trommelte, und sonst hätte sie sich über seine Anwesenheit gerade hier sehr gefreut, doch sie wüsste, dass er sich nicht hierher verirren würde, wenn er sich nicht einbilden würde das man sie irgendwie aufheitern müsste – und das ausgerechnet mit einem Satz, der für sie nicht weiter von Heiterkeit entfernt sein sollte:

„Na? Schon irgendwelche großen Pläne für die Zukunft?"

„Die Zukunft?"

„Katsuragi hat mir erzählt, dass ihr in der Schule demnächst einen Berufsorientierungstag habt, und da dachte ich mir, ich schaue mal rein. Ein kluges Mädchen wie du hat bestimmt schon haufenweise tolle Ideen."

Doch da sie sich freute, ihn zu sehen, versuchte sie es ihm zu liebe zunächst mal mit Gelassenheit zu leben: „Na denkst du denn das irgendeiner von diesen Informationsständen es mit der Rettung der Erde aufnehmen kann? Nein Danke, ich bin was Jobs angeht schon bestens bedient. "

„Im Moment vielleicht schon, aber bei deinem Eifer dürfte es doch sicher sicher mehr lange dauern, bis ihr die Engel alle besiegt habt."

„Wer weiß..."

Sie konnte es drehen und wenden wie sie wollte doch ihr vorgetäuschter Enthusiasmus war dieses mal noch in den Startlöchern verpufft, sabotiert von den verräterischen Elementen ihrer Menschlichkeit, die sich nur ein einziges Mal eine unterstützende Hand auf ihrer Schulter wünschten, obgleich sie sich dergleichen niemals bewusst erlauben würde.

So vergingen noch einige Minuten, in denen sie diffus auf der Tischplatte herum trommelte, bis ihr ihre Stimme gerade mal noch hörbar aus den Lippen entwischte:

„Kaji-san... wenn die Engel alle besiegt sind, und die EVAs nicht mehr gebraucht werden, was würde ich dann überhaupt machen?"

„Tja! Das ist wäre dann einzig und allein deine Entscheidung! Du wärst völlig frei zu tun oder zu lassen was auch immer du willst. "

„Und du? Was wirst du machen?"

„Tja... das weiß ich noch gar nicht. Es ist noch ein weiter weg, bis NERV seinen Feind endlich besiegt haben wird – wer weiß wer von uns dann überhaupt noch am Leben ist..."

„Glaubst du, wir werden uns wiedersehen?"

„Kann sein, kann auch nicht sein. Du hast dein Schicksal, und ich habe meins."

Entzaubert, ernüchtert und auf ihre Arme gestützt auf die Tischplatte gesunken hatte sie der Welt in diesem Augenblick nicht besonders viel entgegen zu setzen:

„Und wo soll ich dann hingehen?"

„Nun, das liegt ja noch weit in der Zukunft. Du hast noch viel Zeit, um dir das zu überlegen. Was würde dir denn gefallen?"

„Ich will... mit dir zusammen sein... für immer und ewig... Das hab ich dir doch gesagt."

„So ein toller Hecht bin ich nun auch wieder nicht. Es gibt noch viele andere Kerle auf dieser großen weiten Welt und die meisten davon hast du noch nicht getroffen."

„Die interessieren mich aber nicht! Sag bloß, dass du immer noch Misato hinterherheulst-"

„Du verstehst das vielleicht noch nicht, aber nicht alles ist immer ein Wettkampf mit Gewinnern und Verlierern."

„Schon klar! Du willst nicht, das irgendeiner etwas falsches von dir denkt weil die das einfach nicht verstehen, aber das macht mir nichts aus. Wenn du willst, können wir einfach warten biss ich älter bin-"

„Dann wirst du in deinem Leben in einer ganz anderen Situation sein. Du wirst viele Dinge anders sehen und du würdest das gar nicht mehr wollen. "

Und selbst durch die Linse ihrer verzerrten Wahrnehmung konnte sie nicht gänzlich überhören, dass das etwas mehr hieß als einfach nur 'Nein' – Vielmehr war die Möglichkeit nicht nur von vornherein ausgeschlossen sondern nicht mal im entferntesten als ernstzunehmend betrachtet.

Eine weitere Tür knallte geradewegs in ihr Gesicht wie schon so viele Türen zuvor, und sie schaffte es kaum, schwächlich zu protestieren:

„Aber-"

„Es tut mir leid."

„Ja sicher-"

„Nein. Ich meine, es tut mir leid, dass es dich treffen musste. Es tut mir leid dass diese Organisation dein ganzes junges Leben übernommen und für ihre eigenen Zwecke eingespannt hat. Es tut mir leid, dass du niemals einfach nur ein Kind sein durftest. Das war nicht fair. Es war dein Leben und dein Schicksal, und trotzdem haben wir dir dass alles hier aufgezwungen.

Eigentlich bin ich zu NERV gegangen, um zu verhindern, dass die nächste Generationen dasselbe durchleben muss wie wir nach dem Second Impact, aber da sind wir.

Es sollte keinen wundern, dass du dir kaum noch etwas anderes vorstellen kannst, als ein Leben voll mit Zwist und Kampf, wenn du nie etwas anderes gekannt hast, am allerwenigsten mich. Ich habe selbst in den Impact-Kriegen gekämpft als nur wenig älter war als du, und auch wenn ich wünschte, dass ich dir sagen könnte, das später alles besser wird, weiß ich nicht, ob ich das guten Gewissens tun kann, ohne dir unverhohlen ins Gesicht zu lügen...

Ich kann dir nur versprechen, dass du eines Tages die Gelegenheit haben wirst, über dein eigenes Schicksal zu entscheiden."

„Aber das habe ich doch schon! Ich weiß, was meine Bestimmung ist! Ich weiß es schon! Ich will das, und nichts anderes!"

Den traurige Blick, mit dem er auf ihre aufgebrachte Gestalt herunterblickte, lange, nachdem diese sich von der Tischplatte aufgesammelt und mit geballter Faust ordentlich drauf gedonnert hatte, konnte sie lediglich so begreifen, als blicke er geradewegs durch sie hindurch, oder eben durch das Bildnis, für das sie den Anspruch erhob, es mit ihrem Selbst zu verwechseln.

Dass er sie überhaupt so ansehen konnte, wenn sie mit ausgefahrenen Stacheln dastand, mit lauter Stimme und ihrem bevorzugten Badeanzug konnte sie nur als eine Niederlage sehen.

Doch der Tropfen, der das Fass zum überlaufen brachte, stand in diesem Augenblick noch aus:

„Weißt du was? Wie wäre es, wenn ich mitkomme, und dir bei der Auswahl helfe? Katsuragi dürfte mit Shinji-kun schon sehr ausgelastet sein, also wie wäre es, wenn wir ihr damit ein bisschen unter die Arme greifen...?"

[...]

„Wenn die Engel alle besiegt sind... Wer braucht dann noch EVA piloten?"

„Eh...?!"

Das sah Asuka jetzt überhaupt nicht ähnlich – oder vielleicht ähnelte es einer Seite von ihr, die Hikari bisjetzt nur schemenhaft erahnt hatte, ohne ihr derart direkt ins Gesicht zu sehen.

„Wozu bin ich dann noch gut?"

„... dann weißt du also noch gar nicht, was du machen willst? Ist es das, was du die ganze Zeit auf dem Herzen hattest?" Die Klassensprecherin versuchte es mit einem einfachen Lächeln, einem unterstützenden Händedruck und setzte ihre Wette hier mal auf die gute alte Macht der Freundschaft: „Ich würde mir da weniger Sorgen machen. Du hast viele gute Eigenschaften! Du bist intelligent, du siehst gut aus und du hast eine zielstrebige Einstellung. Ich glaube damit bist du schon wesentlich besser dran als die Meisten von uns... Du könntest ein Model werden, oder bei den olympischen Spielen antreten, oder deine eigene Firma gründen, oder... eigentlich könntest du sogar als Astronautin gute Karten haben, oder in der Politik... Du könntest werden was auch immer du willst..."

„Es gibt aber nichts anderes, was ich will! Verglichen mit der Verteidigung der Erde ist das alles bedeutungslos!"

„...Asuka-san." entgegnete Hikari dann auf einmal völlig ernst: „Glaubst du wirklich, alles was wir anderen in unserem Leben je vollbringen wären, wäre bedeutungslos?"

„Nicht für euch vielleicht, aber für mich. Ich bin eine EVA Pilotin... Ihr alle versteht das nicht. Soweit du einmal an der Spitze gestanden bist, vergisst du niemals die Aussicht von da oben. Es gibt nichts was man damit vergleichen könnte, hörst du, gar nichts!"

Obwohl ihre Freundin da gerade einige ziemlich hässliche Dinge gesagt hatte, sah die Klassensprecherin wenig Hoffnung darin, deswegen einen Streit anzufagen. Wenn etwas von alledem Stimme, dann, dass die Asukas Situation als 'Zivilistin' nicht wirklich verstehen konnte. Sie und die anderen Piloten mussten diinge durchmachen, die sich Hikari nicht einmal vorstellen konnte – Sonst würde sie all diese schrecklichen Sachen gar nicht erst sagen. Das Mindeste, was sie da tun konnte war, diese schwere Bürde ihren Möglichkeiten entsprechend abzumildern:

„Hey, Asuka-san... Wieso gehen wir nicht und spannen zusammen ein bisschen ab, bevor du zu diesem Experiment musst? Ich musste in letzter Zeit ziemlich viel organisieren, wegen dem Schulfest und der Berufsorientierung und so weiter, ich glaube ich könnte nach alledem wirklich eine Auszeit vertragen... ich kenne da ein nettes, ruhiges Café gar nicht so weit weg von hier..."

[Ein weiteres Geschehnis des Vortages.]

Asuka hatte ein vage Ahnung davon, wer diese Person war, und sei es nur, weil es strategisch höchst ungünstig wäre, einen Namen und ein Gesicht zu vergessen – Sie saß, wenn sie sich recht erinnerte, schon länger in der zweiten Reihe, ein hochgewachsenes Mädchen mit langen, dunklen Haaren, das bisweilen einen Haarreif trug. 'Katagiri Kazuha`, wenn sie nicht alles täuschte. Die Details waren für dieses Geschehnis nicht besonders relevant. Kein großer Name wie zum Beispiel Kaneda, aber auch keine größeren Ärgernisse – Captain Shikinami konnte davon ausgehen, dass sie ihr zu willen sein würde, und ihre vorsichtige, sichtlich aufgeregte Körpersprache schien dies direkt zu bestätigen.

Es war ehrlich gesagt schon etwas armselig, aber es waren eben die Felsbrocken und Planeten, die das Licht eines Sterns zurückwarfen.

Asuka blickte in ihr Gesicht wie in einen Spiegel und weidete sich an dem Respekt, der ihr dabei offenkundig zuteil wurde.

„Eh... Shikinami-san?"

„Ja?"

„Diese Geschichte von wegen, dass zwischen dir und Ikari-kun was wäre ist doch nur quatsch, oder?"

Natürlich ist das nur quatsch. Willst du damit irgendetwas andeuten?"

„Nein, überhaupt nicht! Ganz im Gegenteil... Kennst du Yuzuriha aus der Parallelklasse? Die Präsidentin des Buchclubs?"

„Nur vom Hörensagen. Wieso?"

„Na ja, sie ist meine beste Freundin, und weil wir in der selben Klasse sind, und du doch mit Ikari-kun zusammenwohnst, hat sie mich gebeten, ob ich dich nicht fragen könnte, ob du da nicht was organisieren könntest..."

„AUF GAR KENEN FALL!"

„Huh? Aber du hast doch gesagt, dass an dem Gerücht nichts dran ist..."

„Und das aus guten Grund! Hör zu, wenn du deiner Freundin einen Gefallen tun willst, sag ihr, dass sie sich den Typen aus dem Kopf schlagen soll. EVA Pilot oder nicht, der Kerl is das reinste Weichei! Glaubt mir, ich werd's schon wissen. Und dann seine ganzen Komplexe, rote Fahnen wo man auch hinsieht. Geh auf der Stelle zu Madam Buchclub und sag ihr, dass sie sich das ersparen soll! Los los, Marsch Marsch! Links-zwo-drei-vier!"